28 März 2005, klassik.com

Sublime Opulenz

Die vorliegende CD ist die vierte, die das englische Label Nimbus dem Werk des Komponisten und Dirigenten George Benjamin widmet. Auf den früheren finden sich bereits die Stücke Sudden Time und At First Light, jedoch in anderen Aufnahmen, was eine erneute Aufnahme, zumal mit dem Ensemble Modern, einem der führenden Klangkörper für zeitgenössische Musik, jedenfalls rechtfertigt. Palimpsests ist die einzige Ersteinspielung der CD.

Es ist ein schmerzender Sonnenaufgang, den George Benjamin in At First Light zeigt. Ein lang angehaltener Trompetenton schneidet blendend in die Nacht, wieder und wieder. Die Welt erwacht, aber die Helligkeit nach der stillen Nacht trägt eine Doppeltheit. So scharf spielt hier das Ensemble Modern unter George Benjamins Leitung, dass man sich fast die Nacht zurückwünscht. Farbe kommt ins schwarz-weiß, vierzehn Musiker verlangt die Aufführung, aber weit mehr Instrumente. Das Schlagzeug ist sehr umfangreich: Klavier, Celesta, Vibraphon, Gongs, ein Tischtennisball, eine große Zeitung. Hier zeigt sich die meisterliche Klangbehandlung Benjamins: auch der etwas obskure Klang eines hüpfenden Tischtennisballs fügt sich bruchlos zu den gewohnten Tönen der gängigen Instrumente.

Palimpsests - ein Palimpsest ist gelöschter Text, noch auffindbar unter neuen Zeichen. Keine bloße Polyphonie bei Benjamin, Wechselwirkungen zwischen den Schichten. Der anfängliche Einklang der Klarinetten, archaisch, ziellos, hoffnungslos, wird verstört von einem harten Blech-Akkord. Das Material bricht, formt sich neu, gegen Ende zu einem in dieser Umgebung grotesken Tanz. Erinnerungen auslöschen? Unmöglich.
Ein Donnerschlag ohne Ende gab die Idee für Sudden time. Benjamin erwachte aus dem Traum und der reale Donner grollte noch in der ersten Sekunde. Dies in die Musik übertragend schuf Benjamin wieder eine Doppeltheit, heftige Bewegung, aber das Stück kreist auf der Stelle.
William Turners Norham Castle, Sunrise inspirierte George Benjamin zu At First Light. Auch die anderen Stücke erinnern an William Turner: kräftige Farben, Farbschleier, abrupte Hell-Dunkel-Kontraste, barock opulent, stürmisch bewegt und erhaben, zugleich sublim, zart, still, atmosphärisch reich, modern in Form, Klang und Ausdruck. Hier wirken gegensätzliche Kräfte, der Gestus ist sinfonisch.

Das Booklet glänzt mit einem umfangreichen und fundierten Text, dazu die üblichen biografischen Informationen. Leider nur in Englisch.

Patrick Beck


2/2005, BBC Music Magazine

Palimpsests / At First Light / Sudden Time / Olicanthus

Performance ***** / Sound *****

Nimbus released its first discs of George Benjamin’s music in the Eighties, and the association continues to flourish. Alongside a pair of recent orchestral works, Palimpsests I and II and Olicantus, recorded for the first time, this latest collection – all vivid, intense performances and equally detailed recordings compiled from Benjamin’s concerts with Ensemble Modern and its bigger offspring the Ensemble Modern Orchestra – offers new versions of two works included on previous Nimbus releases. There is the musical impression of a Turner painting, At First Light, composed for the London Sinfonietta in 1982, and a dazzling tour de force of orchestral virtuosity, and Sudden Time, the wonderfully fluent exploration of musical time and experiential time whose completion in 1993 signalled the removal of the creative block that had affected him in the late Eighties. The two Palimpsests, the first a 75th-birthday tribute to Boulez in 2000, the second composed for the LSO two years later, are studies in musical layering, hence the title – a palimpsest is a manuscript whose original text has been overlaid with accretions. The pieces embody the idea aurally, and show how Benjamin’s music has deepened and changed its emphasis, just as the sound-world for Olicantus, composed for Oliver Knussen’s 50th birthday in 2002, seems far more restrained than in the earlier works, more concerned with expressive lines than florid gestures.

Andrew Clements

George Benjamin
Palimpsests / At First Light / Sudden Time / Olicanthus

Musicians:
Ensemble Modern
Ensemble Modern Orchestra

Conductors:
George Benjamin, Oliver Knussen

Hörbeispiel:
Benjamin: Palimpsests (excerpt)